Wissenschaftsbasierte Emissionsziele und das Anthropozän

Der Mensch als geologische Kraft“[1]. Dies war die Grundlage für die Überlegung des Geowissenschaftlers Crutzen, welcher im Jahre 2002 den Begriff des „Anthropozän“[2] endgültig etablierte und damit das „Zeitalter des Menschen“ ausrief. Das Holozän benannte er als vergangene Epoche, eine Welt von gestern. Die anthropogene Überformung natürlicher Verhältnisse erfolgte in den letzten 250 Jahren in so enormen Umfang, dass man heute die absolute Ursprünglichkeit auf dem blauen Planeten vergeblich sucht. Was auch immer dieser hochevolutionäre „natürlichste Urzustand“ sein soll, die globale Gesellschaft ist zum größten Treiber erdsystemischer Entwicklungen geworden, ein biogeophysikalischer Einflussfaktor.[3] Der Philosoph Hartmut Böhme umschreibt gar: „Wir leben in einer Epoche der Künstlichkeit, in der Natürlichkeit kein Referenzpunkt mehr ist oder sein kann“[4]. Die Debatte um das Anthropozän verlangt also ganzheitliche Perspektiven, multidisziplinäre Einsichten und Diskursfreude.

 

Ansätze wie Geo-Engineering werden offen diskutiert und zeigen, dass das Bewusstsein für erhöhte Unsicherheiten und Risiken bedingt durch das „Aus-der-Balance-bringen“ des geschlossenen Erdsystems noch nicht zu Ende gedacht sind. Der Mensch kann sich den Naturbedingungen nicht entziehen, so sehr er dies in den letzten Jahrhunderten auch versucht hat, gesellschaftliche Naturverhältnisse[5] sind geprägt von stätigen Wechselwirkungen zwischen Naturraum und Gesellschaft, es besteht eine unüberwindbare Abhängigkeit.[6] „Anthroposphäre und Ökosphäre“ stehen sich längst als gleichberechtigte Gegenspieler gegenüber. Der Klimawandel und seine Phänomene sind ein Ausdruck dieses, im schneller werdenden Tanzes innerhalb der erdsystemischen Grenzen.[7]

 

Der Ansatz der sogenannten „Wissenschaftsbasierten Emissionsziele“ (WBE, engl. „science-based targets“) akzeptiert die Verantwortung für die gesamtgesellschaftlichen Folgen des eigenen Handelns. Der Ansatz bekennt sich zu der Fähigkeit des Einzelnen, zu der verantwortungsvollen Unternehmensphilosophie einer ökologischen Ökonomie und zu der Integrierbarkeit (klima-)wissenschaftlicher Erkenntnisse in politische Entscheidungen. WBE erlauben Unternehmen den kontrollierten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, das Erreichen einer gewünschten „≤ 2°C-Kompatibilität“.

 

Seinen „fairen Anteil“[8] am Klimaschutz zu leisten, bezeichnet also einen Versuch seinen anthropogenen Einfluss auf das Erdklima um das Maximalste zu minimieren, mit dem Ziel das sensible System der Erde wieder in ein Gleichgewicht zubringen ohne ihrer Natürlichkeit entgegenzuwirken.

 

Diese Transformation ist egoistisch begründet, denn sie ist voll und ganz im anthropogenen Sinne einer durch Stabilität bedingten Mehrwertschöpfung geprägt. Doch ist sie nur umsetzbar durch den Bruch mit „Business-as-Usual“-Ansätzen und der Einbindung von naturräumlichen Existenzansprüchen[9]. WBE sind im weitesten Sinne ein Produkt des Anthropozän-Diskurses, ein Weg in die richtige Richtung, ein Impulsgeber zur richtigen Zeit.

 

[1] Crutzen, P.J. „Geology of Mankind“ Nature 415, 23 (3 January 2002), doi:10.1038/415023a

[2] Crutzen, P.J. „The „anthropocene“ “ J. Phys, IV France 12 (2002) Pr10-1

[3] Jahn T. et al. „Nachhaltige Wissenschaft im Anthropozän“ in GAIA 24/2 (2015):92-95

[4] Böhme H. & Fehrenbach F. „Aussichten der Natur – Naturästhetik in Wechselwirkung von Natur und Kultur“, Matthes & Seitz Berlin, DE NATURA 1, 2017

[5] Becker E. & Jahn T. et al. „Soziale Ökologie – Grundzüge einer Wissenschaft von gesellschaftlichen Naturverhältnissen“, 2006

[6] Bonneuil C. in Le Monde Diplomatique, „Erde im Kapitalozän“, dt. Ausgabe, Veröffentlicht am 13.11.2015

[7] Altvater E. in Le Monde Diplomatique „Dunkle Sonne“, dt. Ausgabe, Veröffentlicht am 13.11.2014

[8] Science-based Targtes Initiative 2016

[9] Kluge T. & Schramm E. „Das Anthropozön: Umweltpolitische Herausforderungen einer neuen Ära“ in Jahrbuch Ökologie 2016, von H. Leitschuh, G. Michelsen, U. E. Simonis, J. Sommer und E. U. von Weizsäcker

 

Janosch Birkert ist bei right. für die Produktentwicklung verantwortlich und interessiert sich insbesondere für die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung.

 

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