#YouKnew

„Es gibt eine große wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass die Menschheit das Weltklima durch die Emission von Kohlendioxid aus dem Verbrennen von fossilen Rohstoffen verändert. [...] Einige Länder werden von dem veränderten Klima vielleicht profitieren, andere hätten mit zerstörten Ernten zu kämpfen." so der leitende Klimawissenschaftler des Ölmultis Exxon James F. Black vor dem Exxon-Management. Black erstellt auch eine Rechnung: Eine Verdopplung des CO2-Ausstosses wird die Temperaturen weltweit um zwei bis drei Grad erhöhen und es bleibe nur wenig Zeit zum Gegensteuern. Konkreter: Der Menschheit bleibe nach vorherrschender Meinung ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren – ab dann käme man um eine deutlich veränderte Energienutzungsstrategie wohl nicht länger herum.

 

Nichts Neues? Richtig. Aber genau dies macht Exxons Wissen um den Klimawandel so brisant. Blacks Warnung vor den Folgen von Exxons Geschäftstätigkeit auf das Weltklima erfolgte nämlich bereits Ende der 1970er-Jahre. Eine Chronologie der auf diese Warnung folgenden Geschehnisse:

 

Exxon erstellte eigene Klimamodelle und rüstete 1979 einen Tanker für über 1 Million Dollar auf, um die Kohlendioxid-Konzentration über den Meeren zu messen. Die Forschung bestätigte, dass der Klimawandel ungebremst zu einem globalen Temperaturanstieg von 2 °C bis 3 °C führen würde. Der US-Konzern blieb bei seinem Geschäftsmodell.

 

Im Juni 1988 referierte der NASA-Wissenschaftler James Hansen vor dem US-Kongress und warnte vor der globalen Erderwärmung. Exxon nahm in der darauf folgenden öffentlichen Debatte die Position ein, dass die Sachlage unklar sei.

 

1989, das Jahr in dem der Supertanker „Exxon Valdez“ vor Alaska auf Grund lief und eine der größten Umweltkatastrophen der Seefahrt auslöste, wurde die Global Climate Coalition von Exxon mitgegründet. Diese Interessensvereinigung verfolgte die – aus der Tabakindustrie bewährte – Strategie der wissenschaftlichen Desinformation. Von 1998 bis 2014 wurden nach Berechnungen von Greenpeace rund 31 Millionen Dollar aufgewandt, um einen Chor von Klimaskeptikern in ca. 70 Einrichtungen und Think Tanks mit wissenschaftlichem Anstrich zur Anheizung der Zweifel am Klimawandel zu finanzieren. Diese Arbeit trägt Früchte (beispielhaft):

  • 1998 hat sich Exxon federführend und erfolgreich gegen die Unterzeichnung der USA des internationalen Abkommens zur Eindämmung des Klimawandels, das Kyoto-Protokoll, gewendet.
  • Das von Exxon unterstützte American Enterprise Institute lobte im Jahr 2007 10.000 Dollar für Wissenschaftler aus, die den Schlussfolgerungen des Weltklimaberichts der Uno zum Klimawandel entgegentreten.
  • Unmittelbar nach Amtsantritt 2001 empfahl Exxon der Bush-Regierung, deren Wahlkampf mit 1 Million Dollar unterstützt wurde, auf eine Abwahl des bisherigen Weltklimarat („IPCC“) - Vorsitzenden, hinzuwirken. Dieser wurde nicht wiedergewählt – ihm fehlte insbesondere die Unterstützung durch die US-Administration.
  • Der Harvard-Wissenschaftler und Klimawandel-Leugner Wei-Hock Soon erhielt bis 2010 Gelder für verharmlosende Studien zum Klimawandel.
  • Exxon gründete auch das Global Climate Science Team. Ziel dieser „Wissenschaftler“ ist nach einem internen Papier: „Wir haben gewonnen, wenn der durchschnittliche Bürger Unsicherheiten in der Klimawissenschaft versteht.“

 

Im März 2014 stellen die kritischen Aktionärsvertreter Arjuna Capital und As You Sow den Antrag, dass Exxon vor dem Hintergrund der Kohlenstoffblase Vorsorge treffen solle, falls Ölreserven nicht mehr geförderten werden könnten. Exxon sah „kein Risiko gestrandeter Investitionen“ [mehr zu dem Kapitalmarktrisiko: Stranded Assets]. Die Londoner Carbon Tracker Initiative warf Exxon vor, die Gefahren massiv zu unterschätzen und veröffentlichte starke Zahlen: 36 % des geplanten capex von Exxon soll zwischen 2014 und 2025 in Hochrisiko-Projekte fließen, in denen es um die Sicherung von Reserven geht, die zu einer hohen Wahrscheinlichkeit nie verbrannt werden dürfen und damit wertlos sind. Ein Paradebeispiel von Zerstörung von Anlegergeldern.

 

2015 nehmen die „Klimasorgen“ von Exxon eine neue Dimension an. Öffentlichkeitswirksam leitete der Staatsanwalt von New York, Eric Schneiderman, mit der Unterstützung des ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore und 17 weiteren Staatsanwälten Ermittlungen gegen Exxon wegen der „Vertuschung des Klimawandels“ ein. Der zur Transparenz verpflichteten Aktiengesellschaft Exxon werden Verstöße gegen Verbraucherschutzbestimmungen und die Täuschung ihrer Aktionäre vorgeworfen. Ein erstes bemerkenswertes Detail der Ermittlungen: Die zunächst nicht an die Staatsanwaltschaft übergebene Kommunikation zwischen der Risikoabteilung des Konzerns und dem damaligen Exxon-Vorstand und heutigen US-Außenminister Rex Wayne Tillerson zu Klimarisiken erfolgte unter einem Pseudonym Tillersons.

 

Institutionelle Investoren, darunter der Pensionsfonds des Staates New York sowie die Vermögensverwaltung der britischen Kirche, ließen auf der Aktionärsversammlung im Mai 2016 darüber abstimmen, ob Exxon einmal jährlich detailliert über die Auswirkungen des Klimawandels und der Klimapolitik auf das Geschäftsmodell berichten müsse. Mit 38 % Befürwortern wurde dieses Vorhaben abgelehnt. Der damalige Exxon-Vorstand Tillerson kommentierte: „Eine Reduzierung der Ölförderung ist für die Menschheit nicht akzeptabel.“

 

Im November 2016 wird bekannt, dass aus Reihen der Investoren sowie der Mitarbeiter Sammelklagen vorbereitet werden. Exxon habe seine treuhänderische Verantwortung gegenüber Investoren und Mitarbeitern verletzt. Das Unternehmen sei sich der Verbindung zwischen der Verbrennung fossiler Brennstoffe und dem Klimawandel seit Jahrzehnten bewusst und habe verstanden, dass künftige Regelungen Einfluss auf die Nutzbarkeit von Exxons Fördergebieten habe. Eine Aufklärung sei nicht erfolgt.

 

Seit September 2016 geht die amerikanische Börsenaufsicht (SEC) dem Verdacht nach, dass Anlagewerte nicht zutreffend abgeschrieben wurden und kontrolliert dazu die Bücher des Öl-Giganten. Die Aufseher wollen wissen, ob sich Exxon bei seiner Bilanzierung angemessen auf strengere Regularien mit Blick auf die Risiken des Klimawandels einstellt.

 

Seit 2016 zeigen sich auch erste wirtschaftliche Folgen: Der US-Ölriese musste im vierten Quartal 2016 wegen einer milliardenschweren Abschreibung einen massiven Gewinneinbruch verkraften. Der Gewinn brach um 40 % ein. Exxon musste seine Aktiva im Explorations- und Fördergeschäft um 2 Milliarden Dollar wertberichtigen. Jüngst, Anfang 2017, holte auch die Warnung der Carbon Tracker Initiative aus dem Jahr 2014 den Konzern ein. Wie von der NGO vorausberechnet musste Exxon rund 20 % seiner Ölreserven aus den Büchern streichen und damit die größte Abschreibung der Firmengeschichte vornehmen. Das gesamte Förderprojekt „Kearl“ (Öl-Sande) im Wert von 16,4 Milliarden Dollar wurde nunmehr als nicht rentabel realisierbar eingestuft.

 

Zwischenzeitlich verlor Exxon auch das – mit Blick auf die Höhe des Investments eher symbolische – Vertrauen der Gründerfamilie, einem der legendärsten Öl-Clans der Welt. Der „Rockefeller Family Fund“ erklärt: „Wir können nicht mit einem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, das dem öffentlichen Interesse anscheinend Verachtung entgegenbringt.“

 

Sinnbildlich für diese Entwicklung steht der Hashtag #ExxonKnew. Exxon ist nicht allein. Auch Shell hat seinen Hashtag: #ShellKnew. Bereits 1986 veröffentlichte der Konzern einen Klima-Report und 1991 eine Dokumentation, die detailliert vor den Folgen der Erderwärmung warnten. Shell kommt zu dem Schluss: „Action, now – is seen as the only safe insurance!“ Shell trat in der Folge den Klimawandel-Leugnern der Global Climate Coalition bei.

 

Verschließen Sie die Augen, fahren Sie fort wie gewohnt. Aber es sollte klar sein, dass CO2 keine Pflanzennahrung ist. #YouKnew

Hannah Helmke ist Geschäftsführerin von right. Sie forciert im Rahmen von Vorträgen den kritisch-konstruktiven Klimadiskurs und zeigt die unternehmerische Verantwortung auf. Der Blog-Beitrag ist Hintergrund einer einzelnen Folie des Vortrags im Rahmen des 11. Lernnetzwerktreffens des Landes Hessen vom 10. Mai 2017.

 

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