Klimarelevante Informationen für klimafreundliche Innovationen

Neue Anforderungen an das Innovationsverständnis verlangen eine Integration der COP 21-Ergebnisse und der Agenda 2030 in den technologischen Fortschritt globaler Schlüsselindustrien. Dies käme nicht nur sozial-ökologischen Entwicklungen zugute, sondern würde außerdem für eine resilientere ökonomische Leistungsfähigkeit von Wirtschafts- und Finanzsystemen sorgen. Dieser Transformationsprozess bedarf einer größeren Berücksichtigung des <2 °C-Ziels innerhalb unternehmerischer Entscheidungsprozesse. Die Potentiale <2 °C-kompatibler Unternehmen und ihre Technologien verlangen zudem nach einer erhöhten Sichtbarkeit.[1] Dazu müssen neue allgemein anerkannte Kriterien zur Vergleichbarkeit von Klimaleistung und Investitionsrisiken zur Verfügung stehen.[2] Die Forderung nach einer Steigerung der Transparenz hinsichtlich klimarelevanter ökonomischer Informationen macht das Design neuer und wissenschaftsbasierter Kennzahlen für saubere Technologien notwendig.[3]

 

Unternehmen werden zunehmend von einer regulatorischen Realität eingeholt. Ein prominentes Beispiel ist der Artikel 173 des französischen Energiewendegesetzes über die Bestimmung zur Berichtspflicht für Investoren.[4] Fortan stehen französische Investoren in der Pflicht, umwelt- und klimabezogene Risiken abzuwägen und eine 2 °C-Kompatibilität nachzuweisen. Dieser regulatorische Anspruch wird auf Unternehmen übertragen. Der Bedarf nach klima-relevanten Metriken[5] wächst also kontinuierlich. Dieser Bedarf wird aktuell durch Kennzahlen gedeckt, welche auf Annahmen basieren und ohne Einflussnahme des Unternehmens durch externe Dienstleister erhoben werden.[6]

 

Konventionelles Nachhaltigkeitsmanagements verharrt in der „Position des Nachweisens“, des Reagierens. Doch immer mehr junge Unternehmen drängen auf den Markt. Unternehmen, Technologien oder Projekte, welche von Beginn an einen „2 °C-kompatiblen Charakter“ aufweisen, nutzen konventionelle Klimamanagementansätze nur begrenzt etwas für ihre interne und externe Kommunikation. Sie befinden sich in der „Position des Vorweisens“, des Agierens. Nennen wir hier beispielsweise ein Unternehmen, welches seiner Konkurrenz in Sachen Wirtschaftlichkeit in nichts nachsteht, aber ein klimafreundlicheres Portfolio vorweisen kann und somit ein Investment mit geringeren klimarelevanten Risiken darstellt. Dieses Unternehmen hat den Drang sich abzusetzen, seine differenzierenden Potentiale sichtbar zu machen. Doch aktuell fehlt der Parameter, der die Kommunikation nach außen stärkt und direkte Vergleichbarkeit zwischen BAU[7]- und „grünen“, gar „< 2 °C-kompatiblen“, Anbietern schafft. Doch wie kann es gelingen diesen unternehmerischen Vorteil sichtbar zu machen: Was gilt es vorzuweisen?

 

Ein zeitgemäßes und ganzheitliches Klimamanagement ist im Stande, die Klimaleistungen eines Unternehmens in Informationen umzuwandeln, welche unternehmerische Entscheidungen hinsichtlich Innovation und Wirtschaftlichkeit unterstützen können.[8] Das Abfangen regulatorischer Schocks durch ein wissenschaftsbasiertes Klimaleistungsmanagement ist der erste Schritt hin zur einer <2 °C-Kompatibilität.[9] Diese Konkretisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs verlangt einen Abgleich ökonomischer[10] und geo-physikalischer Parameter.[11] Das Übertragen dieses Ansatzes vom reinen Asset-Level[12] auf wissenschaftsbasierte <2 °C-Kompatibilität und auf die Anforderungen von Paris, führt zu einer Information, welche kurz und knapp Investoren, Unternehmen und Politik gleichermaßen bedienen könnte.[13]

 

Die Benennung der spezifischen Temperaturkompatibilität für die Klimaleistung einer bestimmten Technologie oder eines Unternehmens, basierend auf Grundlage des Eigenanteils des verbleibenden Carbon Budgets und des damit verbundenen Temperaturanstiegsszenarios, wäre eine wissenschaftsbasierte Information und damit im Einklang mit kommenden regulatorischen Ansprüchen. Diese °C-Zahl „X“ würde es ermöglichen einem Unternehmen oder einer Technologie eine klare klimatische Relevanz in Form eines Temperaturwertes zuzuordnen.

 

Diese X °C-Kompatibilität (X Degree Compatibility, "XDC") stärkt Unternehmen in Ergänzung zur <2 °C-Kompatibilität und ist im Stande, als standardisierte Kennzahl eine anerkannte Vergleichbarkeit zu generieren. Markt und Wettbewerb werden angekurbelt, Finanzdienstleister erfahren eine bessere Entscheidungsgrundlage aufgrund gestiegener Transparenz für Investitionen. Zusätzlich findet eine Vereinfachung des klimabezogenen Risikomanagements für die externe Kommunikation statt (Sichtbarkeit). Ein zweifellos dreifacher Gewinn also.

 

Die XDC als mögliche neue und klimarelevante Metrik ist ein gutes Beispiel dafür, inwieweit wissenschaftsbasierte Kennzahlen Entscheidern in Zeiten des Umbruchs Orientierung geben, Bewertung erlauben und damit regulatorischen Bemühungen vorweggreifen. Als Kommunikationswert in einer Reihe an klimarelevanten Metriken könnte sie als „Dachwert“ verstanden werden. Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit, ermöglicht durch eine wissenschaftsbasierte Bewertungsgrundlage und somit der Transformationsprozess der Dekarbonisierung beschleunigt werden.

 

[1] WBGU 2016 „Sondergutachten – Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation: Die vier großen I“, S. 34.

[2] Partnership for Market Readiness (PMR) 2017 „A guide to Greenhouse Gas Benchmarking for Climate Policy Instruments“ World Bank, S. 29.

[3] TCFD 2016 „Recommendations oft he Task Force on Climate-related Financial Disclosures“, S. 7.

[4] France's Energy Transition Law (siehe Artikel 173 über die Bestimmungen zur Berichtspflicht für Investoren).

[5] Höhne N. et al. 2015„Developing criteria to align investments with 2°C compatible pathways“, S. 5.

[6] Höhne et al. 2015 „Developing 2°C-Compatible Investment criteria“, S. 7.

[7] Business as Usual - "BAU".

[8] Beispiel für einen solchen Markt ist die Firma Carbon Delta http://www.carbon-delta.com .

[9] Höhne et al. 2015 „Developing 2°C-Compatible Investment criteria“, S. 7.

[10] Höhne et al. 2015 „Developing 2°C-Compatible Investment criteria“, S. 37.

[11]Erickson et al. 2015 „Assessing carbon lock-in“, S. 1-2 .

[12] Ein solcher Wert könnte beispielsweise der technologiebezogene „Carbon Lock-in sein. Er impliziert Daten eines Vermögenswertes wie Laufzeit, Abschreibung, Klimaleistung und Größe. Je länger die Laufzeit und umfangreicher die Größe desto höher der Lock-in Effekt. Der Effekt kann sowohl negativ als auch positiv sein, je nach dem ob es sich um eine klimafreundliche oder eine klimaschädigende Technologie handelt.

[13] Seto et al. 2016 Carbon Lock-In: Types, Causes, and Plociy Implications“, S. 442.

Janosch Birkert ist bei right. für die Produktentwicklung verantwortlich und interessiert sich insbesondere für die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung.

 

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