2 °C-Kompatibilität: Gewinner und Verlierer im Übergang in eine <2 °C-Welt

„A crisis is a terrible thing to waste.“ (Paul Romer, Stanford Ökonom). Wenn 1/3 des globalen Gesamtvermögens in fossilen Brennstoffen investiert ist, von denen – sollen gefährliche Ausmaße des Klimawandels verhindert werden – gerade mal 25 % verbrannt werden dürfen, dann ist es angemessen, von einer Krise zu sprechen. Diese aktuelle und sich zuspitzende Klimakrise ist also eine der größten Chancen unserer Zeit.

 

Chancen können jedoch nicht ohne Risiken existieren, sowie Reichtum nicht ohne Armut existieren kann oder das Licht nicht ohne die Dunkelheit. Entsprechend erzeugen Krisen immer Verlierer und Gewinner. Was werden die Verlierer der Klimakrise missverstanden und die Gewinner verstanden haben? Im Detail ist das natürlich völlig vermessen zu definieren. Grob allerdings werden sich Gewinner von Verlierern darin unterscheiden, dass die Unscheinbarkeit des Klimawandels für sie keinesfalls bedeutet, dass er nicht dringend ist. Damit werden Gewinner die zahlreichen Tücken dieser geisterhaft voranschreitenden Krise für sich entschärft haben; durch Maßnahmen, welche zunächst die Auswirkungen des Klimawandels für die eigene Organisation sichtbar machen, um dann durch viele kleine Schritte, welche immer persönlich relevant im Hier und Jetzt sind, konsistent einem bedeutungsvollen, kollektiven Ziel zuzuarbeiten.

 

2° C-Kompatibilität

 

Solche Maßnahmen können ideal an einem sogenannten Wissenschaftsbasierten Emissionsziel („WBE“; engl.: science-based target) ausgerichtet werden. WBE sind eines der meistgenutzten Instrumente zum Erreichen des Status „<2 °C-kompatibel“. Ein Unternehmen kann sich dann <2 °C-kompatibel nennen, wenn es in einer Welt, die sich um max. 2 °C erwärmen soll, noch profitabel ist. Hier wird der Unterschied zur Klimaneutralität klar: Ein Automobilkonzern beispielsweise, der klimaneutral Dieselfahrzeuge herstellt, wird wohl kaum profitabel sein in einer Welt, die keine Dieselfahrzeuge mehr vorsieht. Anders ein Automobilkonzern, der seine Prozesse und Strukturen anhand seiner WBE frühzeitig so anpasst, dass er die Art von Mobilität antizipiert, auf der sein Geschäftsmodell in einer <2 °C-Welt sicher stützen kann.

 

WBE sind in der Klimawissenschaft verankerte Emissionsziele, die einem Unternehmen genau sagen, bis wann es um wieviel seinen Fußabdruck senken muss, möchte es sich entlang der Vorgaben des Pariser Klimavertrages in eine <2 °C-Welt entwickeln. Im Gegensatz zu willkürlich und nicht-wissenschaftsbasierten Emissionszielen leiten WBE ein Unternehmen zuverlässig und transparent Stück für Stück in eine Wirtschaft, welche nur noch so viele fossile Brennstoffe verbrennt, wie dieser Planet aushalten kann, ohne unsere Lebensgrundlage zu gefährden. Ob ein Unternehmen zu solch einem Szenario beiträgt, wird zunehmend relevant für dessen Schlüsselstakeholder: Talente, Geschäftspartner, Finanzdienstleister. „In wieweit basiert Ihr Geschäftsmodell auf fossilen Brennstoffen, welche in einer <2 °C-Welt nicht mehr zur Verfügung stehen?“ ist eine der angehenden Lieblingsfragen von Investoren an emissionsintensive Unternehmen. So stimmten 68 % der Aktionäre von Exxon an dem Tag, an dem die USA den Ausstieg aus dem Pariser Klimavertrag verkündet hat, für die Offenlegung klimarelevanter Informationen des Konzerns. Diese 68 % halten 48 % der globalgesamten Assets Under Management, womit dieser Anspruch wohl keinesfalls ein Einzelfall bleiben wird.

 

Zukunftsgerichtete Informationen

 

Durch das Setzen von WBE ist ein Unternehmen im Stande, Antworten zu liefern, die den zugrundeliegenden Bedürfnissen solcher Fragen direkt begegnen. Antworten, dieallerdings nicht so einfach zu geben sind, denn sie erfordern eine völlig neue Art der Information: sogenannte „forward-looking indicators“. Das sind Indikatoren, die den Übergang eines Unternehmens in eine <2 °C-Welt genau und am besten quantitativ fassen. Sie drehen sich z.B. darum, wann ein Unternehmen in welche Vermögenswerte investiert, um seine Emissionsintensität entlang seines WBEs zu reduzieren. Welche finanziellen und fachlichen Kapazitäten es dazu braucht und wie es diese aufbauen möchte. Was dies für die Produktentwicklung und die Geschäftsstruktur bedeutet. Alles zielt darauf ab, dem vielschichtigen Risiko zu entgehen, welches mit einem zu emissionsintensiven Geschäftsmodell in einer vom Klimawandel geprägten Welt zunimmt und vor allem aber unternehmerisch den Übergang in eine <2 °C-Welt als den voraussichtlich zweitgrößten Motor für Wirtschaftswachstum der Geschichte zu nutzen.

 

Das Einführen von WBE zum Erreichen des Status <2 °C-kompatibel bedarf im Unternehmen einer Vorbereitungsphase: eine Gruppe involvierter und entscheidungsfähiger Manager aus idealerweise den Bereichen F&E, Finanzen und Controlling, Unternehmensentwicklung und Nachhaltigkeit erarbeiten sich das Thema 2°C-Kompatibiliät in fachlicher Tiefe, um so spezifische Risiken und Chancen und damit Anforderungen an die Integration des Konzeptes zu definieren. Sind die Chancen höher als die Risiken und verankert man das Thema daher in der Produktentwicklung? Oder überwiegen die Risiken, sodass der Fokus auf der Gestaltung von Kapitalplänen zum Erreichen einer <2 °C-kompatiblen Vermögensstruktur liegen sollte?

 

Sind solche Fragen einmal geklärt, müssen in einer zweiten Phase die schon angesprochenen neuen, zukunftsgerichteten Informationen generiert werden. Hierbei steht die Szenarioanalyse im Fokus: Wie entwickelt sich der Markt für das Kerngeschäft des Unternehmens, sollte die globale Klimapolitik erfolgreich sein? Und wie entwickelt sich der Markt, sollte sie nicht erfolgreich sein? Welche Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle? Außerdem werden in dieser Phase die WBE entlang der dazu frei verfügbaren mathematischen Methoden ermittelt.

 

Mit dieser Informationsgrundlage geht es in die dritte, entscheidende Phase: hier werden Indikatoren generiert, die eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Übergangsstrategie entlang der in der Vorbereitungsphase erkannten Anforderungen, Chancen und Risiken detailliert definieren. Daraus werden Meilensteine für die einzelnen Verantwortlichen abgeleitet, deren Erreichen im besten Falle in die jährliche Bewertung der Manager einfließt. Als Ergebnis überblickt ein Monitoringsystem den Fortschritt und liefert aussagekräftige Indikatoren für interne und externe Berichterstattungen, welche auch Stakeholdern klar aufzeigen, dass das Unternehmen die Bedeutung des Klimawandels für die eigene Profitabilität kennt und sie angemessen handhabt.

 

Ein solcher Prozess braucht Zeit – je nach Unternehmen ein bis zwei Jahre. Genau der Zeitraum, den Experten aus der Finanzbranche erwarten, bis das Vorweisen klimabezogener zukunftsgerichteter Informationen den Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern darstellt. Mit mehreren Unternehmen wöchentlich, die der Bewegung der WBE und damit der 2 °C-Kompatibilität beitreten, sitzen die Gewinner bereits gemeinsam im fahrenden Zug. Die Zeit aufzuspringen ist genau jetzt.

Hannah Helmke ist Geschäftsführerin von right. Sie forciert im Rahmen von Vorträgen den kritisch-konstruktiven Klimadiskurs und zeigt die unternehmerische Verantwortung auf. Der Blogbeitrag ist zuerst im KLIMAzin des Landes Hessen (Ausgabe 02/2017) erschienen.

 

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