Mit vereinten Kräften: Science Based Targets und X-Degree Compatibility

Immer mehr Unternehmen verpflichten sich, ein Science Based Target („SBT“) zu setzen. Das sind in der Klimawissenschaft verankerte Emissionsziele, die als Teil einer robusten Klimastrategie von der Science Based Targets Initiative („SBTi“) seit einigen Jahren beworben werden. In der Theorie gelten sie als Schlüsselstrategie für ausreichend ambitionierten Klimaschutz – die Praxis zeichnet jedoch ein etwas facettenreiches Bild.

 

Unternehmen mit SBT erzählen starke Geschichten ihrer Klimakompetenz auf großen Bühnen. Die NGOs CDP, WWF, WRI und UN Global Compact dienen mit ihren tiefen Wurzeln im Klimaschutz als hervorragender Multiplikator solcher Geschichten und haben die notwendige Seniorität einem SBT auch den Stempel „science-based“ zu geben. Eine gewaltige Chance für Unternehmen, auf ihre Vorreiterrolle im Aufbauen von Klimakompetenz aufmerksam zu machen. Jedoch ist nicht alles Gold, was glänzt. Aufgrund des hohen politischen Drucks gibt es kaum mehr ein größeres Unternehmen, was die SBTi nicht kennt. Und doch sind es erst 91 Unternehmen, die sich ein SBT gesetzt haben.

 

Woran liegt das? Ist die Logik doch so bestechend… Ein Erklärungsversuch: 

 

Abstraktheit

Die Methoden, die ein Unternehmen zur Verfügung hat, um sich ein SBT zu setzen, basieren auf Szenarien klimawissenschaftlicher Institutionen, wie z.B. dem International Panel on Climate Change („IPCC“) und der Internationalen Energieagentur („IEA“). Beide modellieren in nicht unkomplexen Systemen unterschiedliche Parameter zur Bestimmung der Emissionsreduktionen, die notwendig sind, um das 2°C-Ziel zu erreichen. Das glaubwürdige Setzen eines SBT setzt für ein Unternehmen voraus, diese Komplexitäten durchdrungen zu haben. Die dafür notwendige Zeit ist erheblich und kaum verfügbar. Außerdem ist eine hohe Affinität zur Klimawissenschat notwendig – auch nicht oft vorausgesetzt. Resultat ist die bleibende Angst, auf Fragen Externer zu den SBT, als medienwirksam eingesetztes Kernelement der neuen Klimastrategie eines Unternehmens, keine Antwort zu haben und damit ein großes Zögern, vom vielversprechenden Ansatz der SBT zu profitieren.

 

Rigidität

Das Thema Klima ist voll von Unsicherheiten, Diskussionen und Interpretationsspielräumen. Die Methoden der SBTi erlauben zwar die Variation gewisser Grundparameter, wie z.B. das unternehmensspezifische Wachstum in den ersten 5 Jahren ab dem gewählten Basisjahr in der Methode C-Fact. Von Praktikern werden die Methoden eher als starres Korsett empfunden, als ein befähigendes Steuerungsinstrument der eigenen Klimastrategie. Konsequenz ist häufig die eher schleppende Integration des Klimazieles in Form eines SBT in andere Kernprozesse im Unternehmen, wie dem Risikomanagement, der Investitionsstrategie oder Governance. Auch dies führt zu einer Verlangsamung der Wirkungskraft des SBT Ansatzes.

 

Politischer Geschmack

Die SBTi als Gruppe bekannter NGOs verfolgen starke politische Ziele, welche sie in die Anforderungen an das Setzen eines SBT integrieren. Die SBTi verfolgt den Ansatz „commit, develop, submit, announce“. Hat ein Unternehmen ein SBT gesetzt (submission), muss es von der SBTi verifiziert werden. Ein Kriterium ist das Vorliegen eines „ambitionierten“ Klimaziels. Der Verifizierungsprozess wird öfters als intransparent kritisiert, auch weil sich die SBTi die Hoheit über die Definition „ambitioniert“ gibt. Auch hier ist die Konsequenz ein eher widerspenstiges Verhalten vieler Unternehmen, die sich bevormundet fühlen und stark unter politischen Druck gesetzt fühlen.

 

Fehlende Belastbarkeit

Weitere Schwachpunkte tun sich auf bei der Frage, ob die Methoden der SBTi ausreichend belastbar sind, um die Qualität der von ihnen erstellten Metriken sicher zu stellen, welche den damit anvisierten langfristigen Investitionsentscheidungen zugrunde liegen sollen. Kernpunkt hier ist die Frage, ob eine Anforderung an ein Unternehmen, die aus einem Szenario der IEA abgeleitet wurde, hinreichend valide ist und damit als Steuerungsindikator rechtlich vertretbar ist. Die Szenarien der IEA haben erheben selbst keinen Anspruch auf Wahrheit und die IEA ist bekannt für die weite Verfehlung der Realität durch ihre Szenarien. Diese Unsicherheit resultiert in einem nur extrem zögerlichen Nutzen von SBT als Teil einer Entscheidungsgrundlage für Investitionen in Emissionsreduktion.

Zwischenfazit

Die in aller Kürze oben dargestellte Situation von SBT in der Praxis erklärt vielleicht die große Hemmschwelle, die Unternehmen haben, sich ein SBT zu setzen. Aufgrund der dennoch enormen politischen und kommunikationsbezogenen Vorteile eines Unternehmens, sich der Initiative anzuschließen, kann ein „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ Verhalten der Unternehmen beobachtet werden.

Das ist schade, denn es ist so viel mehr drin. An dieser Stelle soll eine weitere wissenschaftsbasierte Klimametrik vorgestellt werden: Die X-Degree Compatibility („XDC“), welche den Anspruch hat, die aufgezeigten Lücken zu füllen, sodass Hemmschwellen zur Nutzung der SBT abgebaut werden.

Die XDC misst den Beitrag eines Unternehmens zur globalen Erderwärmung, indem sie ausdrückt, um wie viel °C sich die Erde bis 2050 erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden, wie das betrachtete Unternehmen. Hat ein Unternehmen beispielsweise eine XDC von 2.7°, dann bedeutet das, dass sich die Erde nach der Berechnungslogik der XDC um 2,7 °C erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden, wie das betrachtete. Die XDC wird mit dem XDC-Modell berechnet.

 

Durch folgende Merkmale adressiert die XDC die Schwächen der SBT:

 

Relevanz

Die XDC als wissenschaftsbasierte Klimametrik kommuniziert die relevante Information Beitrag zur globalen Erderwärmung in einer einfachen Sprache, einer °C-Zahl. Relevant ist diese Information, weil sie sich auf das Hier und Jetzt auch einer Person bezieht. Am deutlichsten wird das, wenn die XDC eines Portfolios berechnet wird: „How hot is your portfolio?“ oder wenn eine hohe XDC den Lippenbekenntnissen eines vermeintlich nachhaltigen Unternehmens gegenüber gestellt wird. Mit dem Bezug zu dem, was den einzelnen Menschen wichtig ist, verbindet die XDC das Thema Klima mit der persönlichen Identitäten eines Klimafondsmanagers, eines Nachhaltigkeitsmanagers oder eines Risikomanagers.

Den Klimawandel effektiv zu kommunizieren, ist eine spannende Herausforderung. 

Ted Talk des norwegischen Ökonomen und Psychologen Per Espen Stoknes

Dynamik

Die Nutzung der XDC unterstellt ihrem Nutzer die Kompetenz, das Risiko- und Chancenpotential des Themas Klima eigenständig einzuschätzen. Die XDC selbst ist eine völlig objektive physikalische Kennzahl, die von ihrem Nutzer gelesen und eingesetzt werden muss. Damit fordert sie den Nutzer, seine Expertise und Erfahrung im Angesicht einer neuen Herausforderung anzuwenden. Die XDC selbst dient dabei lediglich als Instrument. Realisiert wird dies durch die Bereitstellung des XDC-Modells, welches die Variation aller Parameter durch den Nutzer erlaubt, welche die XDC bestimmen. Konsequenz ist eine Souveränität des Nutzers, welchem es damit viel einfacher fällt, Verantwortung zu übernehmen und hinter den Maßnahmen zu stehen, die er zur Erhöhung der Klimakompetenz des Unternehmens vorschlägt.

 

Objektivität 

Die XDC ist eine rein physikalische Kennzahl frei von sektorspezifischen Anforderungen, volkswirtschaftlichen Überlegungen oder politischen Zielsetzungen. Damit gibt sie kaum Spielraum zur Verneinung oder zur Interpretation. Vielmehr fordert sie zur Stellungnahme auf, welche die Beschäftigung mit dem Thema Klima auf einem für viele Organisationen neuen Level fordert. Diese Stellungnahme kann sektorweite XDC-Vergleiche oder den Vergleich mit den XDCs von direkten Konkurrenten beinhalten.

 

Belastbarkeit 

Die XDC ist eine wissenschaftsbasierte Klimametrik, die in einem ersten Schritt ermittelt, wieviele Emissionen in die Atmosphäre gelangen würde, wenn jeder so emissionsintensiv wirtschaften würde, wie das betrachtete Unternehmen. In einem zweiten Schritt wird anhand aktueller klimawissenschaftlicher Erkenntnisse modelliert, welcher Temperaturanstieg dies zur Folge hätte. Sie basiert nicht auf Szenarien und ist daher eher eine Projektion, als eine Szenarioanalyse. Damit ist sie die sicherere Alternative, wenn es darum geht, als Information eine Entscheidungsgrundlage für Investitions- und Risikomanagemententscheidungen im Einklang mit Governance-Vorgaben zu bieten.

 

Fazit 

SBT sind ein wertvolles Instrument für ein Unternehmen der Welt zu zeigen, dass die Klimastrategie ernst gemeint ist. Als ein starkes Signal für Klimakompetenz führen sie zu Aufmerksamkeit unter klimabewussten Investoren und anderen Stakeholdern. Die Anzahl von 350 Unternehmen, die sich bereits der SBTi angeschlossen haben, sind - verglichen mit solchen massiven Vorteilen - aber eine eher mäßige Erfolgsgeschichte der stark vertretenen Initiative.  Die XDC reduziert die dafür verantwortlichen Hemmschwellen, was es für Unternehmen stark vereinfacht, ein SBT zu setzen und die damit einhergehenden Vorteile zu nutzen. Der Trick besteht im Einsetzen der im SBT geforderten Emissionsreduktionen im dynamischen XDC-Model, welches als Steuerungsinstrument des SBT funktionieren kann. Mit den zahlreichen Funktionen, insbesondere fürs Investitionsmanagement, sind die SBT dann direkt angekoppelt an die Prozesse, die für die Umsetzung einer „ambitionierten“ Klimastrategie notwendig sind. Erste DAX-Konzerne experimentieren in diesem Feld. 

In dem Webinar >2°C oder <2°C ? stellen wir Ihnen die XDC mit ihren Anwendungsfällen vor, klären den Zusammenhang mit den Science Based Targets und geben einen ersten Einblick in die "XDC webApplication". 

 

Zum Mitschnitt

 

Hannah Helmke ist geschäftsführende Gesellschafterin von right. based on science.

 

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