Klimarisiko - Einen Schritt voraus

Aussagekräftige Angaben zu Umweltbelangen in den diesjährigen CSR-Berichten sind äußerst rar. Meist fehlt die gesetzlich geforderte Risikoprognose. Wissenschaftsbasierte Klimametriken könnten für Veränderung sorgen.

 

Die meisten Spieler, mit denen ich spiele, sind ziemlich gut, denn sie laufen dahin,

wo der Puck ist. Ich laufe dahin, wo der Puck sein wird!

 

so der vielleicht weltbeste Eishockeyspieler Wayne Gretzky. Genauso wie ein guter Spieler das Spielfeld versteht, versteht ein guter Unternehmer sein Unternehmen, seinen Markt und seine Stakeholder. Letztere sind zunehmend wachsam, wie Unternehmen, in die sie investiert sind, für die sie arbeiten, deren Geschäftspartner oder Kunde sie sind, den Übergang in das Wirtschaften in einer vom Klimawandel geprägten Wirtschaftswelt gestalten. Keine Kür, sondern dabei seit der Berichtssaison 2018 gesetzliche Pflicht ist die sogenannte nichtfinanzielle Erklärung. In der Berichterstattung über ab dem 1. Januar 2017 beginnende Geschäftsjahre, müssen nach dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz fortan bestimmte große, kapitalmarktorientierte Gesellschaften sowie bestimmte Versicherungsunternehmen und Kreditinstitute im Rahmen der Finanzberichterstattung nunmehr auch über nichtfinanzielle Aspekte aus dem Themenbereich der Corporate Social Responsibility (CSR) berichten. Neben einer kurzen Beschreibung des Geschäftsmodells des Unternehmens sind zentraler Bezugspunkt für sämtliche weitere Angaben die nichtfinanziellen Aspekte, unter anderen Umweltbelange wie Treibhausgasemissionen.

 

Umweltbelange als wesentliches Risiko

 

Ob integriert in den Lage- bzw. Konzernbericht oder als eigenständiger nichtfinanzieller Bericht hat die nichtfinanzielle Erklärung zu den Umweltbelangen diejenigen konkreten Angaben zu machen, die für das Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses, der Lage des Unternehmens sowie der Auswirkungen der Tätigkeit des Unternehmens auf Umweltbelange erforderlich sind. Als erforderlich und daher berichtspflichtig wird nach derzeitigem Verständnis lediglich die Teilmenge verstanden, die sich ergibt, wenn die Konjunktion „sowie“ nicht enumerativ als Glied einer Aufzählung, sondern vielmehr als kumulativ zu erfüllende Voraussetzung verstanden wird. Angaben müssen demnach nur gemacht werden, wenn sie sowohl für das Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses, der Lage der Kapitalgesellschaft als auch („sowie“) für das Verständnis der Auswirkungen des Unternehmens auf Umweltbelange erforderlich sind.

 

Die nichtfinanzielle Berichterstattung steht zudem unter einem Wesentlichkeitsvorbehalt: Zu berichten sind solche Risiken, die sich aus der eigenen Geschäftstätigkeit des Unternehmens für Umweltbelange ergeben und die sehr wahrscheinlich schwerwiegende negative Auswirkungen auf Umweltbelange haben oder haben werden. Gleiches gilt für die wesentlichen Risiken, die mit den Geschäftsbeziehungen des Unternehmens, seinen Produkten und Dienstleistungen verknüpft sind. Zudem ist die Handhabung dieser Risiken anzugeben. Was unter wesentliche Risiken zu verstehen ist, definiert das Gesetz indes nicht. Nach dem Deutschen Rechnungslegungs Standard ist Risiko definiert als mögliche künftige Entwicklungen oder Ereignisse, die zu einer für das Unternehmen negativen Prognose- bzw. Zielabweichung führen können. Prognosen wiederum sind Aussagen über voraussichtliche Entwicklungen und Ereignisse und unter einem Ziel ein angestrebter Zustand in der Zukunft zu verstehen.

 

Die ersten veröffentlichten nichtfinanziellen Erklärungen weisen eine unterschiedliche Granularität aussagekräftiger Angaben zu wesentlichen Risiken auf. Sie erheben teils den Anspruch, die Risiken des Klimawandels zu antizipieren. Erreicht werden soll dies durch selbst gesetzte Klimaziele, die in gewissen Abständen von bis zu 3 Jahre überprüft werden, um sich so „ganz auf globale Trends auszurichten“. Selbstverständlich ganzheitlich und integral. Die gesetzlich geforderte Risikoprognose lässt sich solchen Passagen indes nur schwer entnehmen.

Wissenschaftsbasierte Klimametriken

 

Mit Blick auf berichtspflichtige Treibhausgasemissionen sollten sogenannte wissenschaftsbasierte Klimametriken die gesetzlichen Vorgaben erfüllen können. Diese messen einen Zusammenhang zwischen einer wirtschaftlichen Einheit und dem Klimawandel unter Einbezug klimawissenschaftlicher Erkenntnisse. Viel beachtet in dem Bereich der wissenschaftsbasierten Aufbereitung von Klimarisiken ist die Pionierarbeit der Science Based Targets Initiative. Mit einem Science Based Target kann zwar ein Klimaziel gesetzt werden, indes nicht die gesetzlich geforderte Risikoprognose abgegeben werden.

 

Geeignet dazu sind vielmehr solche wissenschaftsbasierten Klimametriken, die gesetzlich geforderten Kennzahlen (key performance indicator, "KPI") sowohl objektiv ermitteln als auch ermöglichen, mit ihnen zu arbeiten. Eine erste am Markt zu beobachtende wissenschaftsbasierte Klimametrik ist die X-Degree Compatibility ("XDC") des Datenanbieters right. based on science. Die XDC sagt für ein Unternehmen aus, um wie viel °C sich die Erde bis 2050 erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden, wie das betrachtete Unternehmen. Der berichtspflichtige Aspekt der wesentlichen Risiken im Bereich der Umweltbelange kann so durch eine einfach verständliche Kennzahl angegeben werden. Die ebenfalls erforderliche Darstellung der Handhabung der Risiken kann durch das dynamische XDC-Modell erfolgen. Dieses lässt es zum Beispiel zu, die Klimawirkung einzelner Investitionen zu berechnen, in den Zusammenhang mit dem Klimaziel des Unternehmens zu setzen und so auch eine Risikoprognose der anstehenden Unternehmenstätigkeit zu geben.

 

Wo der Puck sein wird

 

Es ist faszinierend, wenn ein Spieler einfach dort ist wo der Puck sein wird – die Menge tobt. Nicht anders ist das auf dem Spielfeld der Wirtschaft, auf dem sich beim Übergang in eine <2 °C-Welt wahres Unternehmertum zeigen wird. Die nichtfinanzielle Erklärung hat - ganz im Sinne des von der EU-Kommission entwickelten Aktionsplans für ein nachhaltigeres Finanzsystem – das Potential, Transparenz über den Umgang von Unternehmen mit klimarelevanten Risiken zu schaffen, bedarf dazu aber einer trennscharfen Klimakennzahl.

Dr. Sebastian Müller, LL.M. (Jahrgang 83) ist Investmentsteuerrechtler und Mitgründer von right. based on science.

 

Der Text "Klimarisiko - Einen Schritt voraus" erschien zuerst in dem Magazin VERANTWORTUNG - Das Fachmagazin für Nschhaltigkeits- und CSR-Manager (Ausgabe 02/2018).

 

Take a #glimpseintoright - unsere Blogreihe - ist unter den Nominierten des Nachhaltigkeits Blog Award 2018 der GLS Bank. Im Leser Voting kann bis Mitte Juli abgestimmt werden. #GLSNBA18

 

Zur Abstimmung...