„Was im Gebäudesektor noch fehlt, ist das Zusammenspiel“

Interview mit Andreas Wade, Head of Sustainability, Viessmann

 

Das Gebäudetechnikunternehmen Viessmann blickt auf eine 105-jährige Historie zurück. Angefangen bei Heizungslösungen für Gewächshäuser, ist aus dem nordhessischen Familienunternehmen inzwischen ein ‚Hidden Champion‘ für integrierte Klimalösungen geworden mit Standorten und Werken rund um die Welt. Seit Herbst 2021 arbeitet Viessmann mit right. zusammen und nutzt das X-Degree Compatibility (XDC) Modell, um die Klimawirkung der Unternehmensgruppe, Produkte und Dienstleistungen zu analysieren. Seit Februar 2022 ist das Unternehmen außerdem in unserem Stakeholder Council Real Estate engagiert. Mit Andreas Wade, Head of Sustainability bei Viessmann, haben wir über Erfahrungen, Erwartungen und Erkenntnisse gesprochen.

 

Andreas, du bist seit letztem Jahr für das Thema Nachhaltigkeit bei Viessmann verantwortlich. Welche Bedeutung hat das Thema für euer Unternehmen?

Andreas Wade: Das Thema Nachhaltigkeit hat schon eine lange Tradition bei Viessmann. Die Frage „Wie kann ich mit weniger Ressourcen mehr machen?“ zieht sich durch die Firmengeschichte, von der ersten Idee Heizungen für Gewächshäuser effizienter zu machen bis hin zu unserer Klimastrategie, die ich bereits mitgestalten konnte, und dem Setzen eines Science Based Target in Übereinstimmung mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens.

Unser Purpose ist: „Creating living spaces for generations to come“, also Lebensräume zu schaffen für zukünftige Generationen.

 

Mit „Lebensräume schaffen“ sind wir ja schon gleich beim Thema: Welche Rolle spielt denn der Klimawandel für euch – und welche Rolle spielt ihr umgekehrt auch für den Klimawandel?

Der Klimawandel ist das bestimmende Thema für die Unternehmensgruppe Viessmann – nicht erst seit gestern, sondern das geht eigentlich schon zurück bis zur Ölkrise in den 1970er Jahren, wo der erste kommerziell verfügbare Solar-Wärmekollektor entwickelt wurde. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Entwicklung nochmal deutlich verstärkt – auch aufgrund der Evidenz, die ja fast schon erdrückend ist, wenn man beispielsweise an den letzten Sachstandsbericht des IPCC denkt.

Insofern spielt der Klimawandel natürlich eine Rolle bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens, in der Vorbereitung auf Adaptionen. Also insbesondere in der Risikobewertung und dem Risikomanagement, beispielsweise hinsichtlich der Regionen, in denen wir Werke haben.

"Mit dem 1,5°C-Ziel beschreiten wir einen klaren Pfad zur Dekarbonisierung unserer Leistungen und Produkte. Das kann und muss schnellstmöglich ohne die Nutzung von fossilen Energie-Ressourcen stattfinden."

Also: Was bedeutet der Klimawandel für das Unternehmen? Zum einen, dass wir mit dem 1,5°C-Ziel, das wir uns gesetzt haben, einen klaren Pfad zu der Dekarbonisierung unserer Leistungen und unserer Produkte beschreiten. Das kann und muss natürlich schnellstmöglich ohne die Nutzung von fossilen Energie-Ressourcen stattfinden. Denn das ist mit Abstand der größte Einfluss, den wir haben mit unserem Produktportfolio, da die Lebensdauer unserer Produkte typischerweise mehrere Jahrzehnte ist. Hier geht es also um den Wechsel von fossilen Brennstoffen hin zu elektrifizierten Lösungen wie Wärmepumpen, Solarkollektoren, Photovoltaikanlagen mit Batteriespeichern. Das wird natürlich auch in der aktuellen Situation nochmal stark forciert durch Fragen der Versorgungssicherheit und die Frage ‚wie (un)abhängig kann man denn ein Wärme-Energie-System für eine Gesellschaft gestalten?‘.

Und dazu, wie Viessmann den Klimawandel beeinflusst (hat), muss man ganz klar sagen: über die Produkte, die über die letzten hundert Jahre in den Verkehr gebracht wurden und zum Teil auch noch in Betrieb sind. Wir wissen ja, dass der Gebäudebestand global gesehen 40 Prozent der Emissionen ausmacht und dass die Bereitstellung von Wärme, Kühlung und Ventilation einen erheblichen Anteil daran hat – über den Energieverbrauch. Und da haben wir uns jetzt zur Aufgabe gemacht, durch eine ganzheitliche Bilanzierung auch für die Lebenszyklusemissionen mit Sorge zu tragen. 2019 hatten wir mit den Emissionen aus der Nutzungsphase unserer Produkte einen Carbon Footprint von 100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr. Und das ist es, wo wir reduzieren müssen.

 

„100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.“ Auch ohne Übersetzung in eine °C-Zahl sieht man, das ist eine sehr ambitionierte Route…

Ja, die ist extrem ambitioniert und hängt natürlich von vielen verschiedenen Faktoren ab. Ich denke aber, die politischen Rahmenbedingungen sind gerade stark fokussiert darauf, das zu beschleunigen. Dadurch kommen andere Constraints stärker zum Tragen. Zum Beispiel die Verfügbarkeit von Ressourcen, insbesondere in den Lieferketten, um diesen Produktportfolio-Shift so schnell wie möglich umzusetzen.

Neue Fabriken müssen gebaut, neue Produktionstechnologien implementiert werden. Man braucht die entsprechenden Arbeitskräfte und Fähigkeiten, die nicht nur, um das Equipment zu produzieren, sondern – viel wichtiger – um das auch in den Gebäuden zu installieren. Momentan habe ich immer noch hier die Elektrofachkraft und da den Gasinstallateur – eigentlich brauche ich integrierte Fachleute. Und das ist der vielleicht größte Bottleneck aktuell, an dem wir mit Partnern auch versuchen zu arbeiten.

 

Und über euer eigenes Unternehmen hinaus geschaut: Was ist denn erforderlich, was braucht es für die erfolgreiche Klimatransition? Welche Branchen und Akteure siehst du da besonders in der Pflicht?

Die wichtigsten Sektoren, die jetzt aktiv werden müssen in den nächsten acht Jahren bis 2030, sind für mich die Bauwirtschaft und der Gebäudesektor.

"Wir haben bei der Windkraft und Photovoltaik sehen können, was dezidiertes und konzertiertes Handeln bringen kann."

Denn wir haben aufgrund der politisch stark angeschobenen Energiewende im Stromsektor schon relativ viel erreicht. Bei den Lernkurven und der Kosten-Degression in der Windkraft und Photovoltaik haben wir sehen können, was dezidiertes und konzertiertes Handeln bringen kann: Die Energieträger sind jetzt mehr als nur konkurrenzfähig und bilden das Rückgrat der ganzheitlichen Energiewende.

Was in der Bauwirtschaft und im Gebäudesektor noch so ein bisschen fehlt, ist das Zusammenspiel aller Akteure in Richtung einer deutlichen Beschleunigung der Renovierung. Das hängt natürlich damit zusammen, dass wir hier über sehr komplexe Eigentümerstrukturen und regulatorische Rahmenbedingungen sprechen. Und da sehe ich momentan zwei sehr wichtige Hebel, die das Ganze beschleunigen können:

Zum einen die Anforderungen, die aus dem EU Green Deal erwachsen. Hiermit werden die Eigentümerstrukturen hinter dem Gebäudebestand, die ja meist den großen Asset Ownern münden, zum Nachweis verpflichtet werden, dass ihr Investment nicht Gefahr läuft, zum Stranded Asset zu werden. Und zwar in dem Moment, wo dieses Gebäude nicht kompatibel ist mit den Klimazielen, die wir uns als Gesellschaft gesetzt haben. Und dieser Handlungsdruck führt dazu, dass Konzepte für serielle Sanierungen jetzt wirklich angegangen werden. Ich denke, da hat die Taxonomie schon einen Riesenschritt in die richtige Richtung getan.

Zum anderen der wachsende Anspruch von Konsumenten wie Mietern, die täglich in diesen Gebäuden agieren und sich fragen: In welche Lebensräume begebe ich mich auf der Arbeit und zu Hause? Wie sind die gestaltet und befördern die sozusagen mein Wohlbefinden in Einklang mit den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung? Diese Literacy wächst. Und da braucht es auch Initiativen, wie sie jetzt auch in der Koalition vorgeschlagen werden, die ganz klar zeigen: Das ist der ganzheitliche Nachhaltigkeits-Einfluss einer bestimmten Technologie oder einer bestimmten Konsumentscheidung.

Wenn ich die vier Hauptsektoren mal in eine Ordnung bringen sollte, würde ich sagen: Strom ist bestimmt am weitesten. Bei dem Verkehrssektor haben wir diesen Tipping Point schon erlebt. Ich glaube, alle großen Automobilkonzerne haben das erkannt. Der Verbrennungsmotor ist am Ende, es wird ihn nicht mehr geben in Zukunft.

Der Gebäudesektor ist jetzt in dieser Transformation mittendrin, hat die Lösungen. Aber, ähnlich wie bei der Landwirtschaft auch, muss noch sehr viel Arbeit getan werden.

 

Dieses branchenweite konzertierte Handeln ist ja ein Hauptziel, das wir mit dem Format der Stakeholder Councils verfolgen – Akteure zum Austausch zu bringen. Viessmann ist dieses Jahr am Real Estate Stakeholder Council beteiligt. Kannst du uns da ein bisschen über eure Erfahrungen erzählen, wie funktioniert die Zusammenarbeit, wie erlebt ihr das als Teilnehmer?

Ich finde der Stakeholder Council ist genau so ein Collaboration-Format, das jetzt dringend notwendig ist. Davon bräuchten wir eigentlich noch viel mehr, um noch weiter zu beschleunigen.

Wir stehen noch recht am Anfang dieses Jahr, aber in den ersten beiden Sitzungen hat mich fasziniert, zu sehen, wo die Akteure zusammenkommen und dann basierend auf dem XDC (X-Degree Compatibility) Framework sozusagen auf einer Ebene sprechen können – weil das Interesse ist im Prinzip das gleiche.

Von der technischen Gebäudeausrüstung her, wollen wir die effizientesten Lösungen anbieten können, um dann den Investoren und Asset Ownern zu zeigen: So kommt ihr auf einen 1,5°C-Pfad – ohne in die verschiedenen verästelten Details hineinzugehen, sondern das zu aggregieren. Und ich denke, das ist die einzige Art und Weise, wie das funktionieren kann und insofern finde ich das ein extrem wertvolles Format. Denn auch die Sichtweise „worauf wird geachtet bei der Auditierung? Was muss in einem Report stehen? Was sind die Kennzahlen, die für den Asset Owner wichtig sind?“ zu verstehen und an einem realen Beispiel durchzudeklinieren halte ich für unheimlich wertvoll. Ich würde mir wünschen, dass es mehr solcher Formate gäbe und wir nutzen die Lerneffekte aus dem Stakeholder Council auch, um selbst andere Initiativen auf anderen Ebenen voranzutreiben.

 

Damit schneidest du schon an, wie die Ergebnisse oder die Erkenntnisse aus diesem Austausch in eure Arbeit einfließen. Vielleicht kannst du es noch ein bisschen konkretisieren: Ihr nutzt das XDC Modell. Wie fließen die Erkenntnisse aus so einer Analyse in eurer Unternehmen oder in eure Produkte ein?

Ich habe das XDC Modell bereits in meiner vorherigen Tätigkeit kennengelernt, da war ich für einen Photovoltaik-Hersteller für Großanlagen tätig. Da habe ich es schon als wirkmächtiges Tool für die interne Kommunikation und Steuerung erlebt, indem man in ein Key Performance Indikator Dashboard eine Zahl integriert, die auch mit dem Ziel der 1,5°C-Kompatibilität verbunden werden kann.

Das haben wir für Viessmann jetzt in einer ersten Phase auch durchdekliniert. Wir uns angeschaut, auf welchem Klimapfad unsere Werke sind – also Scope 1 und 2 aus dem Greenhouse Gas Protocol. Und dann geprüft: Wie nah kommen wir an das 1,5°C-Ziel mit dem Programm, das wir verabschiedet haben, 60 Millionen in die weitere Neutralisierung der operativen Emissionen zu stecken. Das war der erste Use Case, dass wir uns das für die Gruppe und einen Pilotstandort angeschaut haben. Wir haben schon erkannt, dass das gut geeignet ist als Lead-Indikator in einem Dashboard für das Management. Damit können wir feststellen wo wir sind und welche Effizienz eine bestimmte Maßnahme hat. Das war sehr hilfreich.

"Es geht um die Frage, wie wir unsere Nutzer dazu motivieren können, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Der zweite Aspekt ist jetzt, dass wir das auf unsere Produkte anwenden. Denn wie erwähnt liegt der Großteil unserer Emissionen hier im Scope 3, den wir weniger direkt beeinflussen können. Hier geht es also um die Frage, wie wir unsere Nutzer motivieren können, auf die richtigen Lösungen zu setzen.

Meine Vision ist, dass unser Installateur, der eine neue Anlage in Betrieb nimmt, den gesamten Prozess mit dem Tablet macht und im Verkaufsgespräch sagen kann: Okay, hier ist eure Immobilie, das ist der individuelle Sanierungsplan, den wir entwickelt haben für die energetische Sanierung, und das sind die Maßnahmen, mit denen ihr zur 1,5°C-Kompatibilität kommt. Das, heruntergebrochen auf diese Gradzahl als Entscheidungsgrundlage – das wäre meine Vision und ich denke, da sind wir auf einem guten Weg.

 

Sind das Erwartungen, mit denen ihr in den Stakeholder Council reingegangen seid? Er ist ja erst am Anfang und wird noch einige Monate laufen. Vielleicht kannst du trotzdem teilen, ob ihr schon von etwas überrascht worden seid?

Ja, also unsere Erwartung als technischer Gebäudeausrüster war, zu schauen: Wie können wir die Dokumentation, die wir für unsere Services und Produkte entwickeln, unter Anwendung der XDC so anpassen, dass ein Gebäudeeigentümer oder ein Mieter entscheiden können, welches Paket das richtige ist für die jeweilige Immobilie. Also, ganz pragmatisch, dass wir in die Lage versetzt werden, das, was unsere Kunden in Zukunft an uns herantragen werden, auch zu erfüllen.

"Es ist mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, ob dann ein Return on Investment die Erwartungen erfüllen kann."

Überraschend für uns war beispielsweise die Perspektive von Investoren, die sagen: „Wir haben ganz klare Anforderungen an den Return, der irgendwie bei 4 oder 5% liegen muss, weil wir damit Pensionen bedienen oder Rückstellungen erfüllen müssen.“ Ja, und das sind natürlich schon Anforderungen, die eine gewisse Herausforderung darstellen können, insbesondere wenn man von einer Transformation spricht. Also die Transformation in Richtung erneuerbarer Energieträger, die einen sehr großen Hebel haben auf die Klima-Kompatibilität, wird ein sehr hohes Investment erfordern und es ist mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, ob dann ein Return on Investment die Erwartungen erfüllen kann.

Diese Gedanken nachzuvollziehen und zu verstehen, wo die wirklichen Barrieren liegen, die einer Beschleunigung bei der Bestandssanierung im Wege stehen, das ist extrem hilfreich. Damit können wir dann wieder in Advocacy-Foren, sei es mit Ministerien oder internationalen Think Tanks, auch darauf hinweisen und fragen „was sind Strategien, um das zu überwinden?“. Das ist für uns der Mehrwert der verschiedenen Multi-Stakeholder-Perspektiven.

 

Zum Abschluss vervollständige bitte diesen Satz: „Das 1,5°C-Ziel ist für mich…“

…ein wichtiger Leitstern.

Der eine globale Kommunikationsbasis schafft, um die Transformation umzusetzen. Das ist für mich eigentlich der Mehrwert: Dass wir es als Weltgemeinschaft geschafft haben, uns auf ein gemeinsames Ziel zu einigen und jetzt Schritte einleiten, um dahin zu kommen. Das motiviert mich auch jeden Tag, zu schauen: Was kann ich, was können wir in unserem System dazu beitragen?

Natürlich zeigt die wissenschaftliche Evidenz, dass sich das Window of Opportunity für 1,5 °C schnell schließt. Das ist ein mahnender Hinweis darauf, dass massive Verwerfungen bevorstehen, wenn Kipppunkte erreicht werden. Und dieser schmale Grat zwischen einem sehr apokalyptischen und einem technologiepositiven Blick in die Zukunft ist das, was ich zu managen versuche – und da stehe ich mehr auf der positiven Seite, weil ich glaube, dass wir durchaus die Lösungen alle haben.

 

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

 

Die Fragen stellte Hannah Stringham